Der schleichende Seh-Räuber (NWZ vom 11.03.2014)

Oft unerkannte Augenerkrankung kann zur Erblindung führen

Der Grüne Star ist eine Augenerkrankung, die in unterschiedlichen Formen auftreten kann. Ohne Behandlung kann es zu einer irreparablen Schädigung des Sehnervs kommen.

THEMEN_GESUNDHEIT_1_f1263efe-cfba-4819-b925-f3e8921e46f8--517x337Der Oldenburger Augenarzt Dr. Georg behandelt in seiner Praxis regelmäßig Patienten, die unter einer Glaukom-Erkrankung leiden. Bild: Hilkmann

Erkranktes Auge täglich mit Tropfen versorgen

Oldenburg In Deutschland werden nach Angaben medizinischer Fachgesellschaften rund 500 000 Patienten wegen einer Erkrankungsform des Grünen Stars behandelt. Darüber hinaus gehen Augenärzte von einer hohen Dunkelziffer aus, da die auch mit dem übergreifenden Begriff Glaukom bezeichnete Augenerkrankung mitunter über viele Jahre unerkannt bleibt.

„Der Grüne Star verursacht in der Regel keine Schmerzen oder andere Beschwerden. Da die verminderte Sehleistung des betroffenen Auges lange Zeit automatisch durch das gesunde Auge ausgeglichen wird, bemerken die Betroffenen meistens nicht, dass sie ein Problem mit ihren Augen haben“, berichtet der Oldenburger Augenarzt Dr. Andreas Höhn. Zwar sind mitunter beide Augen betroffen – meistens allerdings zeitversetzt.

Risiko steigt im Alter

Der Anteil der Glaukom-Patienten in niedergelassenen Augenarztpraxen liegt nach aktuellen Schätzungen bei etwa zehn bis 15 Prozent. Die destruktive Augenerkrankung verläuft schleichend und tritt gehäuft im höheren Lebensalter auf, wobei Frauen und Männer in etwa gleich häufig betroffen sind. Es können aber auch schon Jugendliche und junge Erwachsene erkranken. Sehr selten sind angeborene Glaukome, bei denen das Problem durch eine angeborene Fehlentwicklung verursacht wird.

Hauptproblem bei fast allen Glaukom-Erkrankungen ist, dass es in Folge eines erhöhten Augeninnendrucks und/oder Durchblutungsstörungen zu einer irreparablen Schädigung des Sehnervs kommt. Die mit Abstand häufigste Erkrankungsform ist das sogenannte chronische Weit- oder Offenwinkelglaukom. Ursache dieser in den meisten Fällen langsam voranschreitenden Augenerkrankung ist eine Funktionsstörung im Bereich des Kammerwinkels, durch den normalerweise das Kammerwasser abfließt.

Das in der Hinterkammer des Auges gebildete Kammerwasser dient vor allem der Ernährung der Augenlinse und der Hornhaut. Es fließt durch den Pupillenrand in den Vorderkammerbereich des Auges, der sich zwischen der Regenbogenhaut und der Hornhaut befindet. Von dort aus gelangt es in das wie ein Schwamm verzweigte Gewebe des Kammerwinkels, wo es letztlich abfließen kann.

Bei Patienten mit einem chronischen Weit- oder Offenwinkelglaukom staut sich das Kammerwasser vor dem zunehmend weniger durchlässigen Kammerwinkel. Der Augeninnendruck steigt, belastet die gesamte Augenwand und wirkt sich besonders schädlich auf das feine, empfindliche Gewebe des Sehnervs aus.

„Die Außengrenze des Gesichtsfelds verfällt, was sich erst in einem fortgeschrittenen Stadium für den Patienten bemerkbar macht. Im Endstadium besteht dann ein Tunnelblick“, erklärt Höhn. Wie ein schleichender Seh-Räuber sorgt die Erkrankung dafür, dass die Sehleistung immer schlechter wird.

Zu enger Kammerwinkel

Eine deutlich seltenere Erkrankungsform ist das Engwinkelglaukom, bei dem der Abfluss des Kammerwassers akut durch einen zu engen oder verlegten Kammerwinkel verhindert wird. Eine dritte Glaukomart ist das tückische Normaldruckglaukom, das ähnlich wie Alzheimer oder Parkinson eine neuronaldegenerative Erkrankung ist. Dabei verursachen insbesondere in der Nacht zu niedrige Blutdruckwerte eine instabile Blutversorgung des Sehnervs. Glaukom-Erkrankungen können in einer primären oder sekundären Form auftreten. Während die primäre Form keine erkennbare äußere Ursache hat, besteht beim Sekundärglaukom eine Vorerkrankung des Auges – etwa eine chronische Entzündung oder eine Verletzung. Neben einer familiären Disposition erhöhen Übergewicht, Bluthochdruck und Nikotinkonsum das Erkrankungsrisiko.

Der Augenarzt kann dem Grünen Star mittels einer schmerzfreien Untersuchung auf die Spur kommen. Zusätzliche Sicherheit bietet ein Blick auf den Sehnerv, der mit einer speziellen Optik möglich ist. Darüber hinaus könne der Augenarzt mittels einer Optischen Kohärenztomographie weitgehende Erkenntnisse über die Beschaffenheit der feinen Gewebefasern des Sehnervs gewinnen, berichtet Höhn: „Die gesamte Untersuchung erfordert nur wenige Minuten. Oft ist noch am gleichen Tag eine präzise Diagnose möglich.“

Erkranktes Auge täglich mit Tropfen versorgen

Ein frühzeitig erkannter Grüner Star kann heute meistens mit gutem Erfolg behandelt werden. „Mit einer konsequent und diszipliniert durchgeführten Therapie kann es gelingen, die Verschlechterung der Sehleistung dauerhaft aufzuhalten“, betont Dr. Andreas Höhn. Bei der Therapie steht die Senkung des Augeninnendrucks im Vordergrund. Bei dem am weitesten verbreiteten Weit- oder Offenwinkelglaukom reicht dafür bei vielen Patienten eine tägliche medikamentöse Versorgung des betroffenen Auges mit speziellen Augentropfen aus.

Betroffene müssen sich aber darauf einstellen, dass sie das erkrankte Auge lebenslang mindestens einmal am Tag mit Augentropfen behandeln müssen.

Der Erfolg der medikamentösen Behandlung muss regelmäßig vom Augenarzt überprüft werden, so Höhn. Der Grund ist, dass die Wirkung der Augentropfen mitunter nach einer gewissen Zeit nachlässt. In diesem Fall kann eine Umstellung oder die Kombination mit anderen Medikamenten erforderlich sein, an die sich der Körper noch nicht gewöhnt hat.