Schielen mehr als ein Makel (NWZ vom 11.12.2012)

Fehlstellung frühzeitig beseitigen – Vier Millionen Menschen betroffen
Ein auch als Schielen bezeichneter Strabismus sollte in den ersten Lebensjahren erkannt und behandelt werden. Ansonsten drohen später schwere Sehschäden.
von Klaus Hilkmann

 

Dr. Hergen Wilms kann im Zentrum für Augen-heilkunde des Olden-burger Pius-Hospitals genau erkennen, welche Behandlung bei einem Schiel-Problem sinnvoll ist.
Bild: Hilkmann


Lernprozess entscheidet über das Sehvermögen
Oldenburg Wenn die beiden Augen nicht in die gleiche Richtung blicken, ist das viel mehr als nur ein optischer Makel. Die Fehlstellung ist häufig mit einer schweren Sehbehinderung verbunden, die sich ohne eine umgehende Behandlung weiter verschlimmert.

Da die Mechanismen des Sehens schon in den ersten Lebensjahren abgespeichert und automatisiert werden, sinken die Chancen für die erfolgreiche Behandlung einer Schiel-Sehschwäche ab dem dritten Lebensjahr deutlich ab. Mit einer erst im Schulalter beginnenden Behandlung ist in der Regel keine normale Sehschärfe mehr erreichbar, berichtet Dr. Hergen Wilms, Direktor der Klinik für Augenheilkunde im Oldenburger Pius-Hospital: „Je früher schielende Babys und Kleinkinder behandelt werden, desto wirkungsvoller und weniger belastend ist die Therapie für das Kind.“

Unerkannter Defekt
Eine Fehlstellung der Augen ist längst nicht immer auf den ersten Blick zu sehen. Unter den verschiedenen Formen des Schielens wirkt sich häufig gerade diejenige besonders negativ auf die Sehschärfe aus, die kaum erkennbar ist. Bei diesem als Mikrostrabismus bezeichneten Defekt weicht die Blickrichtung des einen Auges nur leicht von der des anderen ab. Die Folge ist, dass das Problem mitunter erst dann erkannt wird, wenn die Sehschärfe schon stark geschädigt worden ist. Zu den häufigen Erkrankungsformen zählen zum Beispiel das einseitige Schielen, bei dem immer das gleiche Auge betroffen ist, ein zwischen beiden Augen abwechselndes Schielen oder ein nur von Zeit zu Zeit auftretendes, intermittierendes Schielen.

Um sicher zu gehen, sollte man auch ohne einen konkreten Verdacht zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr mit dem Kind zum Augenarzt gehen, der in einer schmerzfreien Untersuchung innerhalb kurzer Zeit feststellen kann, ob eine mit dem Schielen einhergehende Fehlstellung der Augen beziehungsweise eine Fehlsichtigkeit vorliegt. Im Verdachtsfall oder beim Vorliegen von Risikofaktoren wie einer familiären Veranlagung sollte die Augenarzt-Untersuchung bereits innerhalb des ersten Lebensjahres erfolgen.

Der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands schätzt die Zahl der Strabismus-Betroffenen in Deutschland auf rund vier Millionen Menschen. Ein Großteil von ihnen wurde nur unzureichend oder gar nicht behandelt. Der daraus resultierende Sehschaden führt bei vielen Betroffenen dazu, dass sie auf Berufe wie Lokführer oder Pilot verzichten müssen, bei denen die Augen tadellos funktionieren müssen. Während zur Behandlung leichterer Strabismus-Fälle eine mit speziellen Gläsern ausgestattete Brille ausreichen kann, müssen schwerere Fehlstellungen chirurgisch korrigiert werden.

In der Klinik für Augenheilkunde des Pius-Hospitals werden pro Woche durchschnittlich fünf bis sieben entsprechende Eingriffe durchgeführt, so Dr. Wilms: „Bei einer rechtzeitigen medizinischen Intervention haben die kleinen Patienten sehr gute Erfolgsaussichten, dass sie danach mit beiden Augen ganz normal sehen können.“

Spezielle Sehschule
Die Untersuchung der Augen erfolgt in der Pius-Augenklinik in einer speziellen Sehschule, wo unter anderem die Sehleistung gemessen wird und eine Weitsichtigkeit festgestellt werden kann. Zudem muss dabei ausgeschlossen werden, dass andere Erkrankungen wie ein zum Glück selten vorkommender Tumor für das Schielen verantwortlich sind. Um das Problem optimal behandeln zu können, muss insbesondere geklärt werden, welche Muskelstränge im Auge betroffen sind, ob es sich um ein in Folge einer Weitsichtigkeit entstandenes einfaches Schielen oder ein mit Entwicklungsstörungen korrespondierendes komplexes Schielen handelt.

Bei einem durch Weitsichtigkeit verursachtes Schielen kann man das Problem häufig mit einer Brille lösen, deren Gläser die Übersichtigkeit ausgleichen können. Wenn eine Operation nötig ist, wird zunächst genau vermessen, in welchem Winkel die Augen zueinander stehen. Sobald der Schielwinkel feststeht, wird die Länge der äußeren Augenmuskeln, die für die Stellung der Augen entscheidend sind, je nach Problem verkürzt oder verlängert.

Lernprozess entscheidet über das Sehvermögen
Eine Strabismus-Operation dauert in der Regel zwischen 30 und 60 Minuten. Der Eingriff erfolgt unter Vollnarkose und kann je nach Ausprägung der Fehlstellung an einem oder beiden Augen erforderlich sein. Zur Erholung und Kontrolle verbleiben die Kinder danach meistens für ein bis zwei Tage in der Klinik. Die Behandlung kann schon mit der ersten erfolgreichen Operation beendet sein. Bei größeren Korrekturen kann eine Nachkontrolle oder auch eine zweite Operation nötig sein. Die Erfolgsaussichten seien sehr gut, betont Dr. Hergen Wilms: „Bei einer rechtzeitigen Behandlung können Sehschäden in Folge des Schielens verhindert werden. Meistens sind die kleinen Patienten auf Dauer von ihrem Problem befreit.“

Das Sehen ist ein Lernprozess, in dem in den ersten Lebensjahren entscheidende Weichen gestellt werden. Wenn das Schielen unerkannt bleibt, konzen­triert sich die fürs Sehen verantwortliche Hirnregion auf das Auge, das besser sieht. Das schlechter funktionierende Auge wird von Informationen ausgeschlossen, um scharf sehen zu können.