Wenn die Arme zu kurz werden (NWZ vom 29.11.2011)

Fehlsichtigkeit Brillen und Kontaktlinsen gleichen optisches Missverhältnis aus

Bei sehr schweren Fällen einer Fehlsichtigkeit kann Dr. Hergen Wilms den Patienten mit einer Operation helfen, bei der eine künstliche Linse implantiert wird. BILDER: Hilkmann
Bei rund zwei Drittel der Bevölkerung stellt sich früher oder später eine Fehlsichtigkeit ein. Meistens reichen Kontaktlinsen oder eine Brille aus, um gut damit leben zu können.

von Klaus Hilkmann

Oldenburg – Anders als bei vielen schweren Augenerkrankungen hat eine Fehlsichtigkeit normalerweise nichts mit einem Schwinden der Sehkraft oder einem erhöhten Erblindungsrisiko zu tun. Vielmehr führt eine Fehlsichtigkeit dazu, dass die vom Auge wahrgenommenen Bilder unscharf erscheinen. Während es kurzsichtigen Menschen schwer fällt, weiter entfernte Dinge genau zu erkennen, hat man bei einer Weitsichtigkeit das umgekehrte Problem. „Beim Lesen muss man das Buch weit weghalten, um die Buchstaben lesen zu können“, erklärt Dr. Hergen Wilms, Direktor der Klinik für Augenheilkunde im Oldenburger Pius-Hospital.

Die Ursache für diese beiden mit Abstand häufigsten Formen der Fehlsichtigkeit ist ein Missverhältnis zwischen der optischen Brechung des Lichts und der Länge des Auges. Das bei normalsichtigen Erwachsenen etwa 23 Millimeter lange Auge ist bei einer Weitsichtigkeit zu kurz und bei einer Kurzsichtigkeit zu lang, was wiederum Auswirkungen auf das Zusammenspiel von Hornhaut und Linse hat. Bilder in optimaler Schärfe entstehen bei einer Kurzsichtigkeit vor der Netzhaut und bei weitsichtigen Menschen erst hinter dem inneren Auge. Brillen und Kontaktlinsen sind letztlich nichts anderes als optische Hilfsmittel, mit denen man dieses Fehlverhältnis ausgleichen kann.

Bilder verschwimmen
Eine Weitsichtigkeit wird meistens erst mit zunehmendem Alter als Problem wahrgenommen. In jüngeren Jahren ist das Auge in der Lage, das Fehlverhältnis durch eine automatische Verstellung der Linse auszugleichen. Erst wenn diese Fähigkeit – ähnlich wie bei einer in die Jahre gekommenen Kamera – nachlässt, beginnen die Bilder in der gewohnten Entfernung zu verschwimmen.

Bei einer Kurzsichtigkeit ist der Betroffene oft schon seit früher Kindheit auf eine Brille oder auf Kontaktlinsen angewiesen. Ein typischer erster Hinweis ist bei Schulkindern, wenn sie den Text an der Tafel aus größerer Entfernung nicht richtig erkennen können. Bei entsprechenden Anzeichen sollten Eltern mit ihrem Kind zum Augenarzt gehen. Um einer Fehlsichtigkeit möglichst früh auf die Spur kommen zu können, sollte bereits im Kindergartenalter ein Check beim Augenarzt erfolgen. „Vor der Überprüfung der Augen muss niemand Angst haben. Die Kinder müssen sich dabei nur ein paar Bilder anschauen“, berichtet Dr. Hergen Wilms. An den Ergebnissen könne der Augenarzt genau erkennen, ob eine Brille erforderlich ist.

Brillen und Kontaktlinsen müssen heute in der Regel aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten nur bei Kindern und bei einer extremen Fehlsichtigkeit, unter der etwa fünf Prozent der Betroffenen leiden. Bei Weitsichtigen beträgt der Grenzwert plus vier Dioptrien und bei Kurzsichtigen minus acht Dioptrien.

Vorher gut überlegen
Bei einer Fehlsichtigkeit kann neben Brille und Kontaktlinsen in vielen Fällen auch ein Lasereingriff helfen, bei dem die Veränderung direkt in der Hornhaut korrigiert wird. „Ein wesentlicher Vorteil ist, dass man dann ohne Hilfsmittel auskommt“, so Dr. Wilms. Dessen ungeachtet sollte man sich die Laser-Entscheidung gut überlegen: „Es handelt sich dabei um eine Operation am gesunden Auge, die nicht mehr rückgängig gemacht werden kann.“

Bei besonders schweren Fällen kann mitunter der operative Einsatz einer Kunststofflinse helfen. Die künstliche Linse wird dabei mittels eines zwei Millimeter kleinen Schnitts direkt vor die natürliche Linse in der vorderen Augenkammer implantiert. Der Eingriff selbst ist unproblematisch und dauert oft nur etwa zwei Minuten. Dafür sei aber aus Sicherheitsgründen eine umfangreiche Vorbereitung nötig, so Dr. Wilms: „Mit der künstlichen Linse sieht man die Welt im wahrsten Sinne des Worte mit anderen Augen.“

Die Fehlsichtigkeit könne durch die Operation so gut korrigiert werden, dass keine Brille mehr nötig ist. Ein weiterer Vorteil sei, dass man die künstliche Linse wenn nötig herausnehmen und ersetzen kann. Ein Nachteil sei, dass die für beide Augen rund 3600 Euro teure Operation nicht von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt wird.

Eine gute Alternative zur Brille oder zu Kontaktlinsen gibt es bei einer sogenannten Alterssichtigkeit noch nicht. Anders als bei einer Kurz- oder Weitsichtigkeit ist dabei nicht die Länge des inneren Auges entscheidend. Das Problem mit der nachlassenden Schärfe entsteht vielmehr, weil die Augenlinse im Laufe des Lebens ganz natürlich etwas fester wird. Sie verliert an Elastizität und kann sich damit schlechter auf die immer neuen Bilder einstellen. Die Alterssichtigkeit beginnt häufig etwa ab dem 45. Lebensjahr und macht sich oft zunächst beim Lesen bemerkbar, so Dr. Hergen Wilms: „Die dann nötige Lesebrille muss meistens alle paar Jahre mit stärkeren Gläsern ausgestattet werden, weil sich das Problem ganz natürlich, in der Regel bis zum 60. Lebensjahr immer weiter verstärkt.“

Eine Überlastung der Augen ist eigentlich nicht möglich. Beschwerden wie Augenbrennen, Muskel- oder Kopfschmerzen entstehen meistens, wenn man mit einer Fehlsichtigkeit zu lange auf Hilfsmittel wie eine Brille oder Kontaktlinsen verzichtet.